Dadaismus in der Literatur: »Ich will keine Worte, die andere erfunden haben«

Dadaismus in der Literatur: »Ich will keine Worte, die andere erfunden haben«
Dadaismus in der Literatur: »Ich will keine Worte, die andere erfunden haben«
 
Was taten die Dadaisten? Sie sagten, es ist egal, ob man irgendein Gepuste von sich gibt oder ein Sonett von Petrarca, Shakespeare oder Rilke, ob man Stiefelabsätze vergoldet oder Madonnen schnitzt. Geschossen wird doch, gehungert wird doch, gelogen wird doch; wozu die ganze Kunst?« George Grosz bringt es auf den Punkt: Dada ist ein Kind des Ersten Weltkriegs, und als solches das »Enfant terrible« unter den Kunstrichtungen der Moderne. Viele »-Ismen« der modernen Kunst - Kubismus, Futurismus, Expressionismus - waren schon da, da wurde Dada lanciert. Weniger als Kunst denn als Anti-Kunst, als Lebensgefühl und Geisteszustand, als radikale Gesellschafts- und Kulturkritik angesichts der »ungeheuerlichen Raserei des Weltkrieges«, so Hans Arp, welche die »heiligen« Werte des christlichen Abendlands, Ehre und Vaterland, Religion und Moral, unwiederbringlich ad absurdum führte.
 
Historischer Ausgangspunkt war die neutrale Schweiz, Zürich, eine Oase inmitten des Kriegs, Zufluchtsort für Künstler und Intellektuelle aus ganz Europa. Treffpunkt der internationalen Emigrantenszene war die Kleinkunstbühne des »Cabaret Voltaire«, das von Hugo Ball am 5. Februar 1916 eröffnet wurde. Dort trafen sich, laut Marcel Janco, »Maler, Studenten, Revolutionäre, Touristen, internationale Betrüger, Psychiater, die Halbwelt, Bildhauer und nette Spione auf der Suche nach Informationen. ..«. Mit seinen lärmend-kabarettistischen, simultan-poetischen Soireen, von Janco und Ball, Tristan Tzara und Richard Huelsenbeck, Emmy Ball-Hennings, Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp als polyglottes, kurios-furioses Neben-, In- und Nacheinander von Rezitations-, Tanz- und Musiknummern aus aller Welt gestaltet, entwickelte sich das Carabet Voltaire zum Experimentierfeld der modernen Künste. Binnen weniger Jahre wuchs sich der Dadaismus zur Welt umspannenden Bewegung aus, der die internationale Avantgarde wesentliche Impulse verdankt. Zwischen 1916 und 1922 sprossen in Berlin, Hannover und Köln, Paris und Amsterdam, Barcelona und New York »Dada-Filialen« aus dem Boden. Provokant, skandalös, anarchistisch, polemisch und paradox wirkten die Dadaisten mit ihren turbulent-chaotischen Auftritten - Vorformen von Happening, Performance und Aktionskunst - auf das Publikum: In Köln schritt die Sittenpolizei ein, in Berlin wurde die Gestapo aufmerksam, als »Bolschewismus in der Kunst« und »Ausgeburt geistigen Wahnsinns« wurde der Dadaismus von Adolf Hitler in »Mein Kampf« attackiert.
 
»Ich will keine Worte, die andere erfunden haben. Alle Worte haben andere erfunden«, formulierte Hugo Ball im Eröffnungsmanifest am 14. Juli 1916. Der Krieg mit seiner Propaganda hat die Sprache, »diese Sprache, an der Schmutz klebt wie von Maklerhänden, die die Münzen abgegriffen haben«, unglaubwürdig gemacht. Für die dadaistischen Literaten war sie wertlos und verbraucht. So griffen sie ästhetische Innovationen des Kubismus wie des - von ihnen ansonsten bekämpften - Expressionismus und Futurismus auf, um neue, alternative Formen von (Anti-/Nicht-)Kunst und Kommunikation zu erproben, die sämtliche Konventionen sprengen und die Literaturproduktion des 20. Jahrhunderts nachdrücklich revolutionieren sollten. Privilegiertes Ausdrucksmittel waren Manifeste, Plakate und Zeitschriften, bevorzugte Ausdrucksform Pamphlet und Gedicht, wobei die Grenze zwischen Literatur und bildender Kunst immer wieder verschwimmt. Dada fahndete nach frischer Inspiration: im »Primitiven«, Ursprünglich-Archaischen, der »Negerkunst« etwa, ob in Jancos Holzschnitten und Masken oder in den exotisierenden Lautgedichten Hugo Balls, deren populärstes die »Karawane« ist, die Zauberritual und Geisterbeschwörung evoziert, oder in Tzaras nachgedichteten beziehungsweise nachempfundenen »Poèmes nègres«, »Negergedichten«, in denen akustisch-expressive Klangelemente Vorrang vor rationaler Sinnvermittlung haben und überraschende rhythmische Wirkung entfalten.
 
Dada systematisierte Zufall und Spontaneität als kunst- wie erkenntnisfördernde Verfahren, ob im »Objet trouvé«, dem zufällig gefundenen Objekt, oder in der später von den Surrealisten ausgebauten »Écriture automatique«, Experimenten mit Schreibassoziationen und provozierten Zufällen, als deren bekanntestes Beispiel Tzaras Scherzanweisung »Wie man ein dadaistisches Gedicht macht« gilt. Dada entdeckte die Natur neu und bezog den Alltag mit ein, ob in den »organomorphen Skulpturen« eines Hans Arp oder der Proklamation einer neuen Materialästhetik. Im Bereich der bildenden Kunst führte dies zu Collage, Assemblage, Fotomontage und »Readymade«, in der Sprachkunst zur extremen Reduktion von Gedichtform und Syntax auf Wortfetzen und Satzfragmente, rhythmische Lautfolgen und Geräuschimitation: in Schwitters »Vokalkonzert« und »Ursonate«, im »statischen« und »dynamischen« Gedicht. Auch hier ist das dekonstruktive Prinzip der Collage aktiv, mit dem Dada die Welt neu zusammensetzt, in ironisch-sozialkritischer oder poetisch-verspielter Intention. Dada griff futuristische Programmpunkte wie Bruitismus und Simultaneität auf und entwickelte sie konsequent weiter. Zum bruitistischen Gedicht zum Beispiel, das »eine Trambahn (schildert), wie sie ist. .., mit dem Gähnen des Rentiers Schulte und dem Schrei der Bremsen«, wie Huelsenbeck 1918 im internationalen »Dadaistischen Manifest« formuliert. Oder zum Simultangedicht, einem, laut Ball 1916, »kontrapunktischen Rezitativ, in dem drei oder mehrere Stimmen gleichzeitig sprechen, singen, pfeifen oder dergleichen, so. .. dass ihre Begegnungen den elegischen, lustigen oder bizarren Gehalt der Sache ausmachen«, wobei die Gleichzeitigkeit von Stimme und Geräusch »die Verschlungenheit des Menschen in den mechanistischen Prozess verdeutlichen« will und in »typischer Verkürzung. .. den Widerstreit von vox humana und einer sie bedrohenden, verstrickenden und zerstörenden Welt, deren Takt und Geräuschablauf unentrinnbar sind« aufzeigt. Frühestes und berühmtestes Simultangedicht ist die dreisprachige Nonsensmoritat »Der Admiral sucht ein Haus zu mieten«, polyphon und parallel von Tzara, Janco und Huelsenbeck rezitiert: »Huelsenbeck: Ahoi Ahoi Des Admirals gewirktes Beinkleid schnell zerfällt. .. / Janco (singt): Where the honey suckle wine twines itself arround. .. / Tzara: Boum boum boum il déshabilla sa chair quand les grenouilles humides. ..«.
 
Einst revolutionär, wurde das Prinzip der Sprach- und Geräuschcollage vom neorealistischen Roman fortgeführt und scheint heute, im Zeitalter von Hörspiel und Videoclip, selbstverständlich. Dada hat die Grenzen zwischen den einzelnen Kunstgattungen verwischt und den Gegensatz zwischen Kunst und Massenkultur nivelliert. Dada hat sämtliche Bereiche der modernen Kunst berührt, bis hin zur Musik, etwa bei Eric Satie, zum Experimentalfilm bei Hans Richter und Viking Eggeling, zur Architektur (Bauhaus) und zum Ausdruckstanz. Dada degradierte, an der Schwelle zum Medienzeitalter, das Buch zum Sekundärmedium und privilegierte flüchtige Publikations- und Aufführungsformen, die Auge und Ohr viel direkter ansprechen. Vom futuristischen Prinzip der »Parole in libertà«, der Worte in Freiheit« ausgehend, wie es sich auch in den »optophonetischen« Buchstaben- und Plakatgedichten Raoul Hausmanns, in Kurt Schwitters' skandalerregenden Nonsens-Gedichten »An Anna Blume«, die er unbekümmert an Hannovers Litfasssäulen plakatieren ließ, und generell in der experimentellen Typographie der Dada-Schriften manifestiert, war der Schritt in die Alltagskultur gering. In der Werbung finden sich die Dadaisten später wieder - Heartfield führte die Fotomontage in Presse und Buchgestaltung ein -, im Konstruktivismus, dem Experimentalfilm, der Psychoanalyse, und natürlich im Surrealismus. Kurze Zeit nur hat der Dadaismus die avantgardistischen Energien gebündelt, als Katalysator fungiert, ein einheitliches Programm, eine eigene Kunstrichtung hat er nie hervorgebracht: »Entscheidend ist der Vulkan und nicht die Lava«, so Huelsenbeck. Wenn er heute museal vereinnahmt und seit den Dreißigerjahren mit Klassikern wie Man Ray und Marcel Duchamp, Francis Picabia und Max Ernst in den Kanon moderner Kunst integriert ist, so gibt es nebenher bis in die Gegenwart sporadische neodadaistische subkulturelle Aktualisierungsschübe - Beispiele sind Wiener Gruppe, Beatniks, New Wave, Konkrete Poesie -, die Dada sicher nicht weniger verkörpern: Denn Dada, dessen Essenz im Paradox, in der Provokation, in Poesie und Polemik besteht, wird nach Janco so lange fortbestehen, »wie der Geist der Verneinung das Ferment der Zukunft in sich schließt.«
 
Regina Keil-Sagawe

Universal-Lexikon. 2012.

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